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Akademisierung der Gesundheitsfachberufe
Petra Witt Das Gesundheitssystem in Deutschland durchläuft einen grundlegenden Wandel: In einer älter werdenden Gesellschaft nimmt die Bedeutung von gesundheitsfördernden Maßnahmen zu, gleichzeitig werden die Krankheitsbilder immer komplexer und die Anforderungen an die Leistungen der Branche steigen. Damit einher geht der Ruf nach einer Akademisierung der Berufsausbildung, um neben den jeweils spezifischen Kenntnissen den Anforderungen an berufsübergreifende Schlüsselqualifikationen sowie Management-, Planungs- und Dokumentationskompetenzen gerecht zu werden. Aber ist die Akademisierung der bisherigen berufsfachschulischen Ausbildungsgänge das Allheilmittel, um den gestiegenen Anforderungen der als "Markt der Zukunft" gehandelten Branche Gesundheitswirtschaft gerecht zu werden? Einerseits ja: Um den Arbeitsmarkt transparent zu halten, brauchen wir EU-weit anerkannte Abschlüsse. Nur mit ihnen können die europaweite Durchlässigkeit der Arbeitssysteme und damit der Austausch von Fachwissen und qualifizierten Fachkräften gelingen. Andererseits darf eine solche Akademisierung nicht zu Lasten der bisher gut funktionierenden, praxisorientierten sowie qualitativ hochwertigen und daher auch anerkannten deutschen Ausbildung an Berufsfachschulen führen. Die Berufsbilder zum Beispiel des/der Physiotherapeuten/in, des/der Logopäden/in oder des/ der Ergotherapeuten/in fußen auf den Anforderungen evidenzbasierter Medizin. Dafür ist auch eine hochqualifizierte praktische Ausbildung Voraussetzung. Wenn die tagtägliche Arbeit mit den Patienten im Mittelpunkt der Tätigkeit steht, funktioniert eine Akademisierung nur mit Blick auf ein erweitertes Aufgabengebiet, das sich eher auf QM-Management- oder auf Dokumentationsebene abspielt. Ein Abschmelzen von guten, fachpraktisch ausgebildeten Kräften zugunsten von rein akademisch gebildeten birgt die Gefahr, an den Bedarfen des Marktes vorbei auszubilden. Zugleich ist zu befürchten, dass bei der Akademisierung der Gesundheitsfachberufe die Qualität sogar ein Stück weit verloren gehen könnte und ein Hilfskräftesystem wie im angelsächsischen Raum im Pflegebereich entsteht: Neben wenig Qualifizierten, die einen entsprechend höheren Lohn erwarten können, werden viele günstige Hilfskräfte zur Bewältigung der praktischen Arbeit eingesetzt, die nicht oder nur mangelhaft ausgebildet sind.
VDP-Vorschlag: 4-Optionen-Modell als Antwort auf zukünftige Herausforderungen der Branche Es darf nicht vergessen werden: Derzeit lernen rund 80.000 Schülerinnen und Schüler an privaten Schulen im Gesundheitswesen in Deutschland, Tendenz: steigend. Die Attraktivität des Arbeitsmarkts bemisst sich auch an der qualitativ hochwertigen und praxisbezogenen Ausbildung in diesem Bereich. Warum den Anforderungen der Zukunft also nicht so begegnen, indem man das eine zwar macht, das andere aber nicht lässt? Wichtig ist es, neu entstandene Berufsfelder zu definieren und - je nach Anforderungsprofil ein durchlässiges, modulares Ausbildungssystem zu schaffen, das auch zu akademischen Abschlüssen führen kann. Gleichzeitig muss das System der teildualen Ausbildung an den Berufsfachschulen, das in diesem Bereich für hohe Qualität und umfassendes, fachpraktisches Lernen steht, beibehalten und gestärkt werden. Denn nicht zuletzt liegen hier die Stärken unseres Fachpersonals in Deutschland. Zusätzlich muss es aber möglich sein, beide Bereiche adaptiv oder integrativ zu kombinieren, sodass unnötige Bildungsbarrieren und zu lange Ausbildungszeiten zugunsten einer effizienten und qualitätsorientierten Ausbildung vermieden werden. Dabei muss der Auszubildende bzw. der Student im Mittelpunkt stehen:
Angedacht werden könnte, ob diesem Klientel nach drei Jahren freigestellt werden sollte, das Examen zum Berufsabschluss auf berufsfachschulischer Ebene zu absolvieren oder nur weiter im Studium zum Bachelor fortzufahren, um dann nur mit dem akademischen Abschluss zu enden. Eine ähnliche Situation findet man dazu im MPHG (Masseur-und Physiotherapeuten-Gesetz), wobei den Masseuren bei Nicht-Absolvierung der sechsmonatigen Praxisphase nach der Ausbildung auf die Berufserlaubnis Masseur und medizinischer Bademeister verzichtet wird und über den Qualifikationslehrgang Physiotherapie am Ende der Abschluss zum/zur Physiotherapeuten/in steht. Bei einer solchen Option gibt es die individuelle Wahl zwischen Sicherheit und Doppelqualifikation oder schnellem Erreichen seines Endzieles mit einer abschließenden Qualifikation. Durch diese Option ließen sich evtl. noch einmal ein bis zwei Monate der berufsfachschulischen Ausbildungszeit (da Verzicht auf die Vorbereitungs- und Examenszeit) einsparen, um damit mehr Zeit für das Studium/die Bachelorarbeit zu gewinnen oder noch früher für den Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Erfahrungen aus dem MPHG zeigen, dass wenige diesen Weg einschlagen, und mehr auf die Sicherheit und Doppel-Qualifikation setzen. Bei der Intention der Schaffung von optimal gestalteten, durchlässigen und sowohl fachpraktischen wie akademischen Bildungsgängen wäre aber eine solche Option sicher gut mit zu berücksichtigen.
Im Mittelpunkt des Handelns steht das Wohl des Patienten Die Diskussion muss also neu geführt werden: Anstelle einer Akademisierung STATT Berufsfachausbildung muss es um Akademisierung NEBEN praktischer Ausbildung gehen. Beide Bereiche müssen nebeneinander ergänzend bestehen können und den Absolventen so den Zugang zum gewünschten Ausbildungsziel öffnen. Wie das Kochen eines Menüs weder ausschließlich nach Kochbuch noch durch bloßes Abschmecken ohne Rezept möglich ist, funktioniert auch hier das Eine nicht ohne das Andere: Wo die Weiterbildung hin zu einem höheren Abschluss mit Blick auf Funktionen im akademischen oder Managementbereich wichtig ist, geht es in der fachpraktisch orientierten Arbeit am Patienten nicht ohne die bewährte Ausbildung an Berufsfachschulen, die das praktische Arbeiten in das Zentrum ihrer Tätigkeit stellen. Wichtig ist es, in der Debatte um die Akademisierung der Gesundheitsfachberufe nicht das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren: das Wohle des Patienten! Berufsfachschule und Fachhochschule müssen sich daher als gleichberechtigte Partner im Sinne eines Kombinationsmodells gegenseitig ergänzen. Eine so entstandene Dialogfähigkeit sorgt für die optimale Durchlässigkeit der Bildungsgänge und bereitet den Weg für einen Paradigmenwechsel, der eine effiziente Ausbildung qualifizierter Fach- und Führungskräfte auf einem der wichtigsten Arbeitsmärkte der Zukunft garantiert.
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